Volkskrankheit Diabetes

Interview mit Prof. Dr. med. Dr. h. c. Diethelm Tschöpe, Vorsitzender der Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ (DHD) in der Deutschen Diabetes-Stiftung zum Thema Ernährung

Nach der Diagnose wird Typ-2 Diabetikern in der Regel empfohlen, ihren Lebensstil zu ändern – besonders dann, wenn sie übergewichtig sind, zu mehr Sport und zu ausgewogener Ernährung wird geraten. Warum eigentlich?

Grundsätzlich gilt es als erwiesen, dass Bewegung und isokalorische, gesunde Ernährung mithelfen, eine diabetische Stoffwechsellage, insbesondere, wenn zugleich andere Kriterien des metabolischen Syndroms vorliegen, zu verhindern. Umgekehrt helfen beide Prinzipien bei einem manifesten Typ-2 Diabetes, Übergewicht zurückzuführen und die Insulinsensivität zu steigern. Damit gelingt es sogar in Einzelfällen, die diabetische Stoffwechsellage zurückzudrängen bzw. bei geringerem Medikamentenverbrauch eine bessere Stoffwechseleinstellung zu erreichen.

Süßspeisen adé, wenig Fleisch und Fett, viel Gemüse und Obst – so wird gemeinhin die Idealernährung gesehen! Ist das zutreffend?

Grundsätzlich stecken hinter den genannten Schlagworten sinnvolle Prinzipien einer gesundheitsförderlichen Ernährung: Niedrige Energiedichte, niedriger glykämischer Index, hoher Ballaststoffanteil. Allerdings sind die einzelnen Komponenten nur in einem ausgewogenen, individuellen Ernährungsplan sinnvoll.

Was ist mit den Kohlehydraten und was hat es mit sogenannten BE`s auf sich?

Grundsätzlich sind Kohlehydrate die Hauptenergieträger und sollten bis zu 50 % des Energiespektrums eines Ernährungsplanes ausmachen. Dabei ist die so genannte Broteinheit eine heute fast schon historische Bemessungsgröße, die eine ungefähre Abschätzung mit Blick auf den Ernährungsalltag der aufgenommenen Kohlehydratmengen erlauben soll. Sie entspricht 12 g resorbierbarer Kohlehydrate und wird heute durch die so genannte Kohlehydratportion ersetzt, da die Blutzucker steigernde Wirkung wesentlich auch vom so genannten glykämischen Index abhängt, der bei der Ernährung des Diabetespatienten nahe liegender Weise niedrig sein sollte.

Sind neben einer generellen Ernährungsumstellung auch Diäten zu empfehlen?

Die Prinzipien gesunder Ernährung gelten auch für die Diabetiker oder umgekehrt, was wir Diabetikern als gesunde Ernährung empfehlen, ist auch für die Allgemeinbevölkerung sinnvoll. Außerhalb von spezifischen Erkrankungen ist das Prinzip der Diätetik für die Diabetesernährung selbst nicht sinnvoll, insbesondere, da sie von vielen Patienten als Verlust an Lebensqualität empfunden wird, und daher das Empowerment als Grundlage einer hohen Therapiecompliance vermindert.

Wie sehen Sie den Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln, die ja oft mit dem Slogan „Bei Diabetes empfohlen“ werben?

Nahrungsergänzungsmittel sind dann wichtig, wenn es aufgrund der individuellen Falldaten zu Defiziten oder Mangelerscheinungen kommen kann. Dies ist durchaus bei Patienten mit hypokalorischen Ernährungsplänen oder in besonderen Therapieszenarien, z. B. Dialyse, richtig und sinnvoll. Für die allgemeinen Ernährungsregeln der Patienten mit Diabetes kann allerdings davon ausgegangen werden, dass der tägliche Kostplan alle wesentlichen Spurenelemente, Vitamine etc. enthält und Ergänzungsmittel daher entbehrlich sind.

Raten Sie stark adipösen Menschen zu einem medizinischen Abnehmprogramm? Wenn ja, wie sieht so etwas aus?

Selbstverständlich sollten adipöse eine Gewichtsabnahme zum Ziel haben. Wenn allerdings ein gewisses Ausmaß an Adipositas überschritten wird, ist der Hinweis auf einen hypokalorischen Ernährungsplan allein nicht zielführend. Dann handelt es sich in der Regel um ein komplexes psychosomatisches Problem, das in der Regel nur im Zusammenspiel von Psychotherapeuten, Ernährungsmedizinern und Internisten zu lösen ist. Ganz im Vordergrund steht dabei das Empowerment sowie das Definieren realistischer Behandlungsziele, was von Beginn an einen zum Teil langjährigen therapeutischen Prozess einleitet (der von vielen Patienten nicht durchgehalten wird). Die Erfolge sind dabei naturgemäß klein, die Frustration naturgemäß groß, so dass die psychologische Absicherung der Behandlung ganz in den Vordergrund tritt.

Ist es realistisch und als Leitbild tauglich, wenn einige Menschen mit Diabetes davon berichte, dass sie ihre Krankheit nur durch Ernährung und Bewegung „besiegt“ haben (Lauber-Methode)?

Zunächst ist es immer erfreulich, wenn Betroffene, d. h. in diesem Fall Diabetespatienten, nach exakter Diagnosestellung ihre Krankheit erfolgreich in den Griff bekommen bzw. durch ein Interventionspaket, das aus Ernährung und Bewegung besteht, ganz zurückdrängen konnten. Das freut alle, Patient und Therapeut gleichermaßen, darf aber nicht zu der falschen Schlussfolgerung führen, dass dies bei allen Menschen gelingt, dass alle Menschen Ernährung und Bewegung gleichermaßen als Positivfaktor mit Spaß erleben bzw. dass Ernährung und Bewegung Medikamente grundsätzlich ersetzen können. Es darf nicht vergessen werden, dass der Diabetes eine stadienhafte Erkrankung ist, die über viele Jahre und Jahrzehnte verläuft und immer zu überprüfen ist, mit welchem therapeutischen Ansatz in der jeweiligen Erkrankungsphase am erfolgreichsten vorgegangen werden kann. Allerdings ist ausdrücklich zu begrüßen, wenn durch entsprechende Publikationsprojekte die Diabetesbetroffenheit nicht mehr mit Verlust an Lebensqualität, also einem globalen Negativismus belegt wird, sondern vielmehr ein positives Gestaltungsimage bekommt.

Abschließend: Das theoretische Wissen um die Wichtigkeit gesunder Ernährung ist ja bei den meisten Menschen vorhanden. Es hapert aber oft an Motivation und Durchhaltevermögen. Wo kann man da ansetzen?

Ich glaube, dass man nicht davon ausgehen kann, dass die meisten Menschen über die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Gesundheit umfassend informiert sind. Allerdings hat sich die Sensibilität für die Qualität von Ernährung erhöht, aber die alltägliche Umsetzung scheitert. Grund hierfür ist, dass gesunde Ernährung häufig als fade angesehen und damit mit einem Verlust an der Lebensqualität gleichgesetzt wird. Hier werden ganz andere Ansätze, etwa aus der Erlebnispädagogik gebraucht, um durch Eigenerfahrung zu lernen, was Feinschmecker schon lange wissen (Stichwort: Novelle Cuisine), dass hochwertiges Essen keinesfalls einen Exzess an Kalorien oder gar Geschmacksarmut bedeuten muss. Ganz im Gegenteil – der Besuch im Sternerestaurant und der mäßige Genuss eines guten Tropfens gelten als Lifestyle schlechthin. Dies auf häusliche Verhältnisse zu übertragen, wird nicht den Ärzten gelingen, sondern ist Aufgabe entsprechender Kommunikationsberufe.

 

Herr Prof. Dr. Tschöpe, wir bedanken uns für dieses Gespräch.

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Diethelm Tschöpe

Interview mit Prof. Dr. med. Dr. h. c. Diethelm Tschöpe,
Vorsitzender der Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ (DHD)
in der Deutschen Diabetes-Stiftung