Volkskrankheit Diabetes
Ein Interview mit dem Diabetologen Dr. med. Alexander Risse aus Dortmund zum Thema Diabetisches Fußsyndrom
Herr Dr. Risse, Menschen mit Diabetes haben häufig Probleme mit ihren Füßen. Was können sie präventiv tun, damit es gar nicht soweit kommt?
Grundsätzlich gilt: Durch regelmäßige Blutzuckerselbstkontrolle eine gute Einstellung zu gewährleisten ist der beste Weg, um Nervenschäden zu vermeiden. Allerdings muss einschränkend gesagt werden, dass es bei einigen Diabetikern trotz guter Werte zu solchen Nervenschäden kommen kann. Immer jedoch ist die Einschreibung in ein DMP (Disease Management Programm) anzuraten, denn dies beinhaltet eine halbjährliche Kontrolle der Füße.
Wenn dann aber doch Nervenstörungen auftreten: Was ist als erstes zu tun? Wie können Arzt/Patient die Problematik möglichst frühzeitig erkennen?
Wenn der geringste Verdacht auf ein Diabetisches Fußsyndrom besteht, sollte unbedingt ein Diabetologe aufgesucht werden, denn er ist Fachmann auf diesem Gebiet. Zudem gibt es spezielle Diabetes-Fuß-Ambulanzen. Erste Anzeichen sind in der Regel vermindertes bis gar kein Schwitzen und in der Folge sehr trockene Füße. Denn die „dünnen Nerven“ – die u.a. für die Drüsensekretion zuständig sind – sind zuerst beeinträchtigt. Und die „langen Nerven“ sind zuerst an ihren Enden gestört: Daher beginnt die Schädigung an der Großzehenspitze und große Menschen sind eher betroffen als kleine.
Was geschieht dann?
Bei Verdacht müssen die Füße häufiger als alle sechs Monate untersucht werden. Denn um extreme Folgen zu verhindern – in Deutschland kommt es unter Diabetikern immer noch zu circa 40.000 Amputationen pro Jahr – ist das genaue Beobachten der Füße enorm wichtig. Und die richtige Pflege, die der Diabetologe den Patienten individuell und in allen Einzelheiten erläutert.
Von vielen Kosmetik-Herstellern werden Produkte mit dem Slogan „Zur Fußpflege bei Diabetes“ angepriesen. Ist es sinnvoll, auf solche Cremes zurückzugreifen und wenn ja, warum?
Um Verletzungen vorzubeugen gilt es, die zu trockene und daher oft brüchige Haut regelmäßig einzucremen. Nur die Zehenzwischenräume sollten ausgespart werden, um nicht dem Fußpilz Vorschub zu leisten. Es müssen aber keine teuren Markenprodukte sein, die dabei zum Einsatz kommen. Wichtig ist allein, dass die Cremes oder Lotionen parfumfrei sind und einen Anteil von 5 – 10 % Urea (Harnstoff) haben. Letzteres verbessert nachweislich den Hautzustand.
Brauchen Diabetiker spezielle „Gesundheitsschuhe“?
Anfangs ist es wichtig, auf flache und breite Schuhe zurückzugreifen, die gut passen. So genannte Weichbetteinlagen sind ebenfalls ratsam. Bei Verschlechterung des Fußzustands kommen so genannte semi-orthopädische Schuhe zum Einsatz, häufig sind sogar Maßschuhe vonnöten. Es gibt speziell ausgebildete Orthopädie-Schuhmachermeister, die eine Zusatzqualifikation für das Diabetische Fußsyndrom erworben haben.
Wann empfehlen Sie den Gang zum medizinischen Fußpfleger (Podologen)?
Wenn der Patient nicht mehr in der Lage ist, sich ausreichend selbst um die Versorgung der Füße zu kümmern, kommt der Podologe ins Spiel. Dies ist immer dann der Fall, wenn eine Augenerkrankung (Retinopathie) hinzukommt und Veränderung und Schäden schlicht nicht mehr gesehen werden. Oder aber, wenn die Menschen in ihrer Bewegungsfähigkeit so eingeschränkt sind, dass sie Ihre Füße nicht mehr erreichen können.
Bleibt die Frage: Wenn es beim „Diabetischen Fuß“ ausreichend gesicherte Erkenntnisse gibt und die Patienten in den Schulungen in der Regel auch gut aufgeklärt werden, warum kommt es dennoch so oft zu schlimmen Auswirkungen bis hin zu Amputationen?
Ein Erklärungsansatz könnte sein: Durch die Nervenstörung ist die Sorge um die Füsse vermindert. Hinzu kommt, dass die Menschen auch Schmerzen bei Verletzungen oder zu engem Schuhwerk nicht mehr spüren. Eigentlich führt Schmerz ja zu Schonung und die Wundentwicklung wird intensiv beobachtet. Wenn ein Diabetiker aber relativ sorglos mit einer Wunde zum Arzt geht – weil er eben die Dramatik nicht erfasst – überträgt sich dieses Gefühl eventuell auch auf den Therapeuten. Beide nehmen die Situation nicht ausreichend ernst. Und der Zustand verschlechtert sich zusehends, weil zu spät und falsch interveniert wird.
Wie könnte ein Ausweg aus dieser Zwickmühle aussehen?
Hier komme ich auf den Anfang zurück: Wenn die Menschen in ein DMP eingeschrieben sind, wird ein Fachmann zumindest alle sechs Monate eine gründliche Kontrolle durchführen und so eine Menge Komplikationen vermeiden.
Herr Dr. Risse, wir danken Ihnen für das informative Gespräch.
Dr. med. Alexander Risse
Ltd. Oberarzt Diabetologie, Klinikum Dortmund





