Volkskrankheit Diabetes

Ein Interview mit dem Diabetologen Dr. med. Alexander Risse aus Dortmund zum Thema Diabetes und Sexualität

Welche Auswirkungen hat die Diagnose Diabetes im Jugendlichenalter auf das Selbstwertgefühl? Was bedeutet dies wiederum für den Umgang mit Sexualität?

In der Adoleszenz (Jugendalter) ist der Umgang mit einer chronischen Erkrankung insgesamt schwierig. Häufig verfahren die jungen Leute nach der Taktik „Verdrängen und Vertuschen“, was zu gefährlichen Schwankungen der Werte führen kann. Wenn dann noch die erwachende Sexualität als „Unruhestifter“ hinzukommt, ist es um das Selbstwertgefühl nicht besonders gut bestellt.

Und wie begegnet man möglichen Ängsten bei der ersten Partnerschaft, auch im sexuellen Bereich?

Reden! Auch bei uns Ärzten muss sich immer noch einiges tun – Sexualität gehört nach wie vor nicht zu den Lieblingsthemen in den Praxen. Doch schlussendlich kann ein funktionierendes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient das ideale Fundament für gelungene Prävention sein.

Inwieweit kann ein Diabetes mellitus das Sexualleben der Betroffenen konkret beeinträchtigen?

In erster Linie besteht bei Menschen mit Diabetes die Gefahr der Störung des Nervensystems durch zu hohe Blutzuckerwerte. Besonders die „dünnen Nerven“ des autonomen Nervensystems können davon betroffen sein – was zu Erektionsstörungen führt. Eine andere, verbreitete Nervenstörung ist ja der so genannte „Diabetische Fuß“ – alle davon betroffenen Männer haben in der Regel auch Probleme mit der Steifigkeit des Glieds.

Beim Mann ist das Phänomen der erektilen Dysfunktion ja relativ bekannt – kann es bei Frauen zu ähnlichen Beeinträchtigungen kommen?

Bei Frauen mit Diabetes ist die Studienlage schwach, da wissen wir nicht viel, schon gar nicht, ob es eine spezielle Organstörung durch Diabetes gibt, die das Sexualleben beeinträchtigt. Hier kann ich nur raten, offen mit dem Diabetologen und dem Frauenarzt zu sprechen.

Es gibt das Schlagwort vom „Sex zu Dritt“: Mein Partner, meine Pumpe und ich. Warum spielt Sexualität in den Diabetikerschulungen – und ganz besonders bei Insulinpumpenträgern – eine so geringe Rolle? Was kann/sollte sich da ändern?

Wie oben schon erwähnt – das Thema muss noch mehr in den Fokus rücken. Zwar wurde durch „Viagra“ und die damit einhergehende Diskussion in der Öffentlichkeit ein Stück des Tabus abgebaut, aber Sexualität ist für die Menschen immens wichtig – mit und ohne Diabetes. Daher dürfen das auch die „Profis“ nicht ausblenden. Ganz konkret gebe ich Pumpenträgern immer den Rat, die Dinge auszuprobieren. Lässt sich die Pumpe in das Sexualleben integrieren? Eventuell mit längerem Katheter? Oder man legt die Pumpe einfach ab? Das hängt von den individuellen Umständen ab.

Eine gewagte These: Verdrängte Sexualität wird häufig durch verstärkten Konsum – im besonderen übermäßiges Essen – kompensiert. Weil Menschen mit Diabetes oft Last mit der Lust haben, trägt dies auch zum überproportionalen Auftreten von Adipositas bei. Oder wird nur andersherum ein Schuh draus?

In seltenen Fällen kann es zur so genannten „Sublimierung“ kommen, ja. Doch eigentlich ist meine Erfahrung die, dass die Lust bei Menschen mit Diabetes mehrheitlich genauso so deutlich vorhanden ist und geäußert wird wie bei Nicht-Betroffenen.

Welche besonderen Gedanken und Überlegungen müssen sich Menschen mit Diabetes machen, wenn es um den Kinderwunsch geht?

Unter entsprechender Stoffwechselführung und –beratung ist eine Schwangerschaft bei Diabetes problemlos. Unsicherheiten treten natürlich immer bei der Frage nach der Vererbbarkeit auf. Ist einer der beiden Partner an Typ-1 Diabetes erkrankt, ist das Risiko, gering. Bei Typ-2 Diabetikern liegt es dagegen höher. Sind beide Eltern von Diabetes betroffen, bietet sich eventuell eine genetische Beratung an.

Und schließlich: Was raten Sie einer jungen Mutter mit Typ-1 Diabetes bezüglich Ihrer Doppel- bzw. Dreifach-Belastung?

Sie sollte das vertrauensvolle Gespräch mit Ihrem Diabetologen suchen. Wir kennen die nicht selten auftretende Angst vor Unterzuckerung wegen der gestiegenen Verantwortung: „Was mache ich, wenn ich in eine Hypo rutsche und mein Kind dann nicht versorgen kann?“ Gemeinsam lassen sich da wirksame Strategien erarbeiten.

 

Herr Dr. Risse, wir danken Ihnen für das informative Gespräch.

Dr. med. Alexander Risse

Dr. med. Alexander Risse
Ltd. Oberarzt Diabetologie, Klinikum Dortmund