Volkskrankheit Diabetes
Ein Gespräch mit dem Arbeitsmediziner und Diabetologen Dr. med. Kurt Rinnert aus Köln zum Thema "Diabetes im Arbeitsleben"
Herr Dr. Rinnert, werden Diabetiker eigentlich häufiger krank und fehlen somit am Arbeitsplatz?
Auf das Phänomen der erhöhten Arbeitsunfähigkeits-Tage bezogen, die rein statistisch tatsächlich belegbar sind, lässt sich von einem „Altersklasseneffekt“ ausgehen. D.h. Menschen mit Diabetes sind im Durchschnitt älter als die gesamte Belegschaft und somit kommt es zu Verschiebungen. Würde man dies bereinigen, träten wohl kaum Unterschiede zu Tage. Um Ihre Frage zu beantworten: Eher nicht.
Wie kürzlich zu lesen war, haben Menschen mit Diabetes gegenüber Nicht-Betroffenen auch kein erhöhtes Unfallrisiko – wovon man bisher aber immer ausgegangen war. Wie ist dieser Umstand zu erklären?
Tatsächlich lässt sich das Phänomen anhand der Daten der Krankenkassen belegen – und findet seine Begründung in der Tatsache, dass Menschen mit Diabetes meist bewusster mit sich umgehen, permanentes Selbstmanagement gewöhnt sind. Sie agieren dementsprechend vorsichtiger in Gefahrensituationen und haben es gelernt, vorausschauend zu handeln.
Und wie sieht es mit dem Zeitpunkt des Eintritts in den Ruhestand aus?
Die Zahlen zeigen, dass es bei Menschen mit Diabetes nicht zu einer häufigeren oder signifikant früheren vorzeitigen Beendigung des Erwerbslebens kommt. Auch dies steht im Widerspruch zu oft unbelegt getätigten Aussagen.
Gibt es denn einen Unterschied zwischen Männern und Frauen, wenn es um das Thema „Krankheit und Beruf“ geht?
Im Großen und Ganzen lässt sich das nicht beweisen. Das häufig anzutreffende Vorurteil, Männer gingen sorgloser mit ihrer Gesundheit um, lässt sich nicht untermauern. Wenn es um den eigenen Beruf geht, ist das Engagement meist groß – unabhängig vom Geschlecht.
Ist ein Betroffener eigentlich verpflichtet, schon beim Bewerbungsgespräch seinen Diabetes mellitus zu erwähnen? Oder aber bei der Einstellung? Wie ist da die Gesetzeslage und was raten Sie?
Beim Bewerbungsgespräch nicht. Sollte es bei der Einstellung jedoch zu einer betriebsärztlichen Untersuchung kommen, ist es angeraten, dem Arzt gegenüber nichts zu verschweigen. Schließlich unterliegt er der Schweigepflicht und darf die Diagnose Diabetes in keinem Fall weitergeben. Nur wenn er aufgrund der Krankheit die Eignung des Betroffenen in Frage stellt, teilt der Arzt dies dem Arbeitgeber mit - ohne jedoch die konkrete Diagnose zu benennen.
In Ihren Veröffentlichungen sprechen Sie die Rolle der Arbeitgeber an – es müsse ein Umdenken stattfinden: „Weg von der Defizitorientierung hin zur Ressourcenorientierung“. Können Sie dies kurz erläutern?
Vereinfacht gesagt argumentiere ich gegen das Schubladendenken, das ja meist so abläuft: Mensch mit Diabetes gleich krank gleich nicht geeignet für einen anspruchsvollen Beruf. Vielmehr sollte bei der Vergabe einer offenen Stelle darauf geschaut werden, ob der Bewerber den Anforderungen entspricht, also die gewünschten Ressourcen mitbringt. Alles andere – also z.B. der Umgang mit einer chronischen Krankheit wie Diabetes mellitus - lässt sich erfahrungsgemäß im Arbeitsalltag in den Griff kriegen.
Ganz konkret: Was haben ein Typ-1 Diabetiker und ein potentieller Arbeitgeber zu beachten, wenn es um die Frage der Eignung z.B. für einen Maschinenarbeitsplatz in einer Werkhalle geht?
Es geht um das gemeinsame Management. Empfehlenswert wäre hier die Zuhilfenahme der vom „Ausschuss Soziales der Deutschen Diabetes-Gesellschaft“ formulierten Checkliste, das Abarbeiten der Punkte, evtl. zusammen mit dem Betriebsarzt und dem Diabetologen.
Abschließend: An wen können sich Betroffene wenden, sollte es aufgrund Ihrer Krankheit zu Problemen im Beruf und mit dem Arbeitgeber kommen?
Zuständig ist immer der jeweilige Betriebsarzt. Was viele jedoch nicht wissen: Auch in kleinen Betrieben haben Arbeitnehmer seit 1996 das Anrecht auf eine betriebsärztliche Versorgung. Der Arbeitgeber ist verpflichtet, gegebenenfalls eine externe Lösung (überbetrieblicher arbeitsmedizinischer Dienst) anzubieten.
Herr Dr. Rinnert, wir danken Ihnen für das informative Gespräch.
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Dr. med. Kurt Rinnert | Der Arbeitsplatz eines von Dr. Rinnert |







