Volkskrankheit Diabetes
Ein Interview mit dem Diabetologen Prof. Dr. Thomas Haak aus Bad Mergentheim zum Thema Typ-2 Diabetes
Warum reden wir beim Typ-2 Diabetes eigentlich nicht mehr vom Altersdiabetes?
Der Begriff war stets unzureichend und wird es mehr und mehr. Die Betroffenen sind schlicht immer jünger. Wenn wir früher von einem Diagnosealter von jenseits der 60 ausgegangen sind, ist es heute häufig unter 50 – im Einzelfall weit darunter.
Hat der Begriff Altersdiabetes nicht auch den schädlichen Effekt, dass sich z.B. übergewichtige 40jährige oft gar nicht mit ihrem Risiko auseinandersetzen?
Ja, vielleicht. Aber weit negativer ist die Tatsache, dass die meisten Menschen nach wie vor annehmen, dass ein Typ-2 Diabetes eine relativ harmlose Erkrankung ist verglichen mit dem Typ-1. Es wird ein milder, ungefährlicher Verlauf angenommen. Diese Fehleinschätzung führt dann zu falschen oder gar keinen Therapiemaßnahmen.
Sie haben kürzlich das Motto „Richtig messen heißt besser leben“ einem Ihrer Vorträge vorangestellt – was bedeutet das für den Typ-2 Diabetiker konkret?
Eine sinnvolle und zielführende Blutzuckerselbstkontrolle ist immer abhängig von der Therapieform. Pauschal lässt sich sagen: Je weniger intensiv bezüglich der Insulingabe eine Therapie ist, desto weniger muss gemessen werden. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass bei der intensivierten Insulintherapie (ICT) mehrmaliges Messen pro Tag – und besonders vor der Insulingabe – angeraten ist.
Was halten Sie von der Forderung, neben dem Nüchternblutzucker auch die Werte nach den Mahlzeiten (postprandial) in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken?
In der Einstellungsphase sind die Blutzuckerwerte vor und nach der Mahlzeit zu messen, um zu hohe postprandiale Blutzuckerspitzen durch die Anpassung der Insulindosis zu vermeiden. Später reicht das Messen vor jeder Mahlzeit.
Welche Werte sind noch wichtig?
Typ-2 Diabetiker sollten aufmerksam ihren Gewichtsverlauf verfolgen sowie den Bauchumfang messen. Bei Frauen wird es ab 88 cm und bei Männern ab 102 cm gefährlich. Zudem ist eine regelmäßige Selbstkontrolle des Blutdrucks sinnvoll.
Ein Grundproblem in der Therapie von Menschen mit Typ-2 Diabetes ist ja die Eigenmotivation. Die theoretische Erkenntnis, dass ein gesünderer Lebenswandel die Grundlage einer erfolgreichen Therapie bilden muss, wird häufig nicht im Alltag umgesetzt. Kann die Blutzuckerselbstkontrolle da helfen?
Mittelbar auf jeden Fall, denn sie kann die Motivation fördern. Ein Beispiel: Ein Mann hat sich vorgenommen, abzunehmen. Mit jedem Kilo weniger stellt er auch fest, dass seine Blutzuckerwerte sinken. So werden quasi die positiven Effekte verdoppelt.
Stichwort „Mündiger Patient“: Nach welcher Zeit muss ich als Typ-2 Diabetiker welche Therapiemaßnahmen einfordern, um gesund alt zu werden?
Ganz wichtig bei der Planung einer effektiven Therapiestrategie ist die Vermeidung von diabetestypischen Folgeschäden. Achten Sie darauf, dass der Zustand der Nieren überprüft wird und eine Überweisung zum Augenarzt zustande kommt. Auch die regelmäßige Kontrolle der Füße ist unverzichtbar. Hilfreich ist dabei der Gesundheitspass Diabetes – alles, worauf zu achten ist, ist dort vermerkt.
Abschließend noch einmal zurück zum Diagnosealter: amerikanischen Studien zufolge wird dort der durchschnittliche Typ-2 Diabetiker im Alter von 46 Jahren erkannt. Wie muss eine sinnvolle Prävention aussehen, um diesem Problem entgegen zu wirken?
Internationalen Absprachen gemäß müssen ab einem Alter von 45 Jahren standardmäßige Vorsorgeuntersuchungen stattfinden. Unter 45 sollten diese durchgeführt werden, wenn eine familiäre Vorbelastung vorliegt oder aber Teile des metabolischen Syndroms erkennbar sind. Unter letzterem versteht man das gemeinsame Auftreten von Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck sowie Insulinresistenz.
Herr Prof. Dr. Haak, wir danken Ihnen für das informative Gespräch.
Prof. Dr. med. Thomas Jürgen Haak,
Chefarzt Diabetes Zentrum Mergentheim





