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Interviewreihe Gesundheitspolitik: Die Parteien der aktuellen Bundestagsperiode beziehen Stellung

Mit dem Regierungswechsel im Herbst sind natürlich auch Veränderungen im Gesundheitssystem zu erwarten. In unserer Experteninterviewreihe zum Thema Gesundheitspolitik gehen wir in den nächsten Monaten den Risiken und Nebenwirkungen der Dauer-Gesundheitsreform auf den Grund.

So hat der neue Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler direkt nach Amtsantritt einen weiteren Systemwechsel im deutschen Gesundheitswesen gefordert. In keinem anderen hoch industrialisierten Land der Welt wird dermaßen kritisch über das eigene Gesundheitswesen diskutiert wie bei uns. Was sind die Gründe dafür?

Mit Fragen rund um die neuen Reformen, zu Sparmassnahmen, dem Qualitätsmanagement oder zur künftigen Behandlung von Chronikern hat Abbott Diabetes Care sich deshalb an die Parteien des Bundestags gewandt. Stellvertretend für ihre Parteien haben folgende Vertreter Stellung genommen:  Dr. Marlies Volkmer kommt als stellvertretende gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion zu Wort. Für die FDP spricht die die stellvertretende Fraktionsvorsitzende und gesundheitspolitische Sprecherin  Ulrike Flach. Repräsentativ für DIE LINKE ergreift ebenfalls die gesundheitspolitische Sprecherin Dr. Martina Bunge,  das Wort und für die CDU äußert sich der gesundheitspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion,  Jens Spahn. Leider konnten vom Bündnis 90/Die Grünen bis zum Veröffentlichungszeitpunkt keine Statements zu unseren Fragen eingereicht werden.

Teil III: ZUr Situation der Chronisch Kranken


Während sich die vergangenen zwei Interviews vorrangig der Frage nach der zukünftigen Qualität und Finanzierung des Gesundheitssystems widmeten, stehen diesmal Aspekte wie Kassenvor- und nachteile für chronisch Kranke im Fokus. Zudem fragen wir die Politiker nach dem Stellenwert der Volkskrankheit Diabetes sowie ihrem zukünftigem Engagement in der Politik.

Wir kommen auf die Gruppe der chronisch Kranken, hier insbesondere die Diabetiker zu sprechen. Kassen wollen Chroniker - so titelte zumindest diesen Sommer eine bekannte Wochenzeitschrift im Hinblick auf den Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen und dem Gesundheitsfonds. Wer profitiert davon? Die Kassen oder die Chroniker?

Frau Dr. Marlies Volkmer (SPD): Die Kassen profitieren nicht per se davon, chronisch Kranke zu versichern. Wenn die Versorgung nämlich schlecht organisiert ist, der Chroniker in der Folge schlecht eingestellt ist und Zusatzkosten verursacht, ist der chronisch Kranke für die Kasse trotz des Risikostrukturausgleichs ein schlechtes Risiko. Kassen mit vielen chronisch Kranken haben daher ein vitales Interesse daran, eine qualitativ hochwertige Versorgung anzubieten – und davon profitiert der Patient.

Frau Dr. Martina Bunge (DIE LINKE): Der Finanzausgleich, der die Krankheiten also die Morbidität berücksichtigt, muss zielgenau sein. Er muss tatsächlich den Kassen mit mehr chronisch Kranken entsprechend mehr Geld zur Verfügung stellen. Nach Auskünften des Versicherungsamtes gelingt dies bislang gut. Leider führt dies nicht automatisch zu einer besseren Versorgung der Chroniker. Aber die Chroniker sind nun nicht mehr die „ungewünschten“ Patienten, die man am liebsten bei einer anderen Kasse sähe. Daher werden die Chroniker profitieren. Problematisch und daher zu beobachten ist die Versorgung der chronisch Kranken, die nicht bei den 80 Krankheiten sind, die im Finanzausgleich berücksichtigt werden.

Frau Ulrike Flach (FDP): Das Problem beim derzeitigen sogenannten morbilitätsorientierten Risikostrukturausgleich liegt doch darin, dass nicht der Diabetiker attraktiv ist, sondern der relativ gesehen besonders gesunde Diabetiker. Wir beobachten zudem, dass diese Form des Finanzausgleiches manipulationsanfällig ist. Das ist nicht gut, wenn sich die Kreativität der Kassen darauf richtet, wie man möglichst viele Menschen als Kranke einstufen kann. Wir wollen deshalb den Finanzausgleich einfacher, transparenter und sicherer gegenüber Manipulationen machen.

Herr Jens Spahn (CDU): Chroniker brauchen häufig eine individuelle und intensive Betreuung. Deshalb finde ich es richtig, dass für Chroniker den Kassen mehr Geld bezahlt wird, schließlich wollen wir eine gute Chronikerversorgung. Ein Wettlauf der Kassen um Chroniker darf es aber nicht geben. Hier werden wir gegebenenfalls ansetzen müssen.

Die Kassen müssen Anreize haben, eine qualitativ hochwertige Betreuung anzubieten, die in einem ersten Schritt vielleicht teurer ist, bei langfristiger Betrachtungsweise aber Kosten einsparen helfen kann. So kann die gute und intensive Betreuung chronisch Kranker zu Beginn der Behandlung zwar vergleichsweise teurer sein, umgekehrt werden etwa eine hohe Therapietreue und kontinuierliche Vorsorgeuntersuchungen auf Dauer zu weniger Folge- und Nebenerkrankungen führen. So zahlt sich auf lange Sicht gute Qualität für alle Seiten positiv aus: Für den Patienten durch eine bessere Versorgung und höhere Lebensqualität, für den Arzt durch eine sachgerechtere Bezahlung und für die Kassen durch Kosteneinsparungen.
 
Was kann man als Diabetiker selbst tun, um als Patient medizinisch optimal versorgt zu werden?

Marlies Volkmer (SPD): Ich halte nichts davon, die Patienten allein auf die Odyssey in den Gesundheitsdschungel zu schicken, damit sie sich die neuesten Arzneimittel, die besten Teststreifen etc. selbst aussuchen. Deshalb denke ich, dass das A und O die Wahl eines guten Arztes ist, der in vernetzten Strukturen arbeitet, also auch mit Spezialisten kooperiert. Viele Symptome werden zu spät in Zusammenhang mit Diabetes gebracht,  zum Beispiel weil der Hausarzt bestimmte Blutwerte nicht untersucht hat. Günstig ist auch der Kontakt mit Selbsthilfegruppen.

Martina Bunge (DIE LINKE): Das wichtigste ist, dass die Patientin bzw. der Patient für ihre/seine medizinisch optimale Versorgung möglichst viel selbst tun darf, aber möglichst wenig selbst tun muss. Ansonsten würde diejenige mit mehr Wissen und mehr Fähigkeiten besser versorgt als derjenige mit weniger Wissen und Fähigkeiten. Der „mündige Patient“ ist ein gern missbräuchlich zitierter Begriff. Niemand verlangt von einem Autobesitzer, dass er über sein Auto sehr gut Bescheid weiß, damit er eine gute Reparatur erhält. Patientinnen und Patienten sollen aber über ihren Körper, ihre Krankheit und Therapiemethoden Bescheid wissen, damit sie optimal behandelt werden. Das darf nicht sein.

Grundsätzlich begrüße ich es sehr, wenn alle Menschen mehr und mehr in die Lage kommen, dass sie mit ihrer Gesundheit und Krankheit selbstbestimmt umgehen. Dies wird durch gute Bildung und die Förderung von grundsätzlichen Fähigkeiten erreicht. Voraussetzung für eine optimale Versorgung darf dies aber nicht sein.

Ulrike Flach (FDP):
Hier halte ich mich mit Ratschlägen zurück. Da gilt: fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker.

Jens Spahn (CDU): Medizinische Ratschläge kann ich als Politiker nicht geben. Meine Empfehlung wäre, sich vertrauensvoll an den Hausarzt zu wenden.

Diabetes wird schon seit Jahren als Volkskrankheit bezeichnet. Für 2010 schätzen Experten der WHO die Zahl der diagnostizierten Erkrankten allein in Deutschland auf 10 Millionen. Wird Diabetes als Krankheit in unserer Gesellschaft und auch in der Politik unterschätzt?

Marlies Volkmer (SPD): Positiv ist, dass sich das Thema Typ-2 Diabetes unter den Gesundheitszielen befindet. In der Gesellschaft gibt es sicherlich noch Nachholbedarf. Ernährungs- und Freizeitgewohnheiten stehen allerdings in einem direkten Zusammenhang mit sozialen Faktoren: Je höher zum Beispiel der Bildungsabschluss ist, desto mehr Wert legen die Menschen auf gesundes und ausgewogenes Essen. Dies ist der Grund dafür, warum wir ein Präventionsgesetz wollen, das in Lebenswelten ansetzt, also in Schulen, Betrieben usw. Damit bestünde die Chance, zum Beispiel sozial Benachteiligten von Anfang an über das gesamte Leben hinweg Möglichkeiten eines gesunden Lebens und gesundheitsfördernde Verhaltensweisen aufzuzeigen. Auf der anderen Seite scheint es vielen Menschen mit zunehmendem Alter schwerzufallen, von geliebten Gewohnheiten Abschied zu nehmen. Jeder Arzt, der mit Risikopatienten zu tun hat, weiß um die Schwierigkeiten,  zum Beispiel die Ernährung umzustellen. Prävention bei Älteren ist ein überaus schwieriges Thema, das nach meiner Ansicht wichtiger genommen werden sollte.

Martina Bunge (DIE LINKE): Wenn wir Diabetes zunächst in den Typ-1 und den Typ-2 unterscheiden, dann sehen wir, dass der Typ-2 für den starken Anstieg des in den letzten Jahren maßgeblich verantwortlich ist. Wichtige Förderfaktoren sind dabei Übergewicht, Bewegungsmangel und Alter. Im Diabetes widerspiegelt sich meines Erachtens exemplarisch, dass viele Anforderungen unserer modernen Zivilisation am Menschen vorbei gehen und entsprechend von vielen Menschen nicht bewältigt werden können. Wir werden älter, wir leben und ernähren uns entfremdeter und bewegen uns weniger. Wir müssen den Menschen wieder den Raum geben, sich zu bewegen, die Zeit geben, sich genussvoll und vollwertig zu ernähren, dann wird auch das Alter ein kleineres Problem. Die Menschen sind vielfach überfordert, in dieser komplexen, entfremdeten Welt zurechtzukommen und werden sich selbst fremd. Wir müssen die Menschen wieder in den Mittelpunkt jeglicher Aktivitäten stellen, müssen ihr Selbstbewusstsein und ihre Fähigkeiten fördern. Dafür brauchen wir eine humane und soziale Gesellschaft.

Ulrike Flach (FDP): Ich glaube, inzwischen nicht mehr. Aus meinem alten Bereich, der Forschungspolitik, kann ich berichten, dass erst ein Nationales Diabetes Zentrum auf den Weg gebracht wurde. Die Gesundheitsforschung ist deutlich ausgeweitet worden. Ich habe erst kürzlich mit dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft gesprochen, die die Forschung an den Volkskrankheiten Diabetes, Alzheimer oder Depressionen weiter verstärken wollen. Hier tut sich einiges, auch zum Beispiel in der Stammzellenforschung. Ich habe mich schon seit Jahren dafür eingesetzt, dass hier Schwerpunkte gesetzt werden.

Jens Spahn (CDU): Aufklärung und Information ist wichtig, um das Bewusstsein für die Krankheit Diabetes in der Bevölkerung zu steigern. Deshalb engagiert sich zum Beispiel die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in diesem Themenfeld. Den Eindruck, dass die Krankheit in der Politik unterschätzt wird, habe ich allerdings nicht. Wir haben bereits spezielle strukturierte Behandlungsprogramme für Chroniker im Gesetz aufgenommen und werden diese auch bei Bedarf weiterentwickeln und ergänzen.