Folgen des Gestationsdiabetes - Ein Interview mit Prof. Dr. med. Anette-Gabriele Ziegler von der TU München
Interview mit Frau Prof. Dr. med. Anette-Gabriele Ziegler zum Thema Folgen des Gestationsdiabetes und zur PINGUIN-Studie.
In unserem Experteninterview vom September erläuterte Frau Dr. Pawlowski vom Deutschen Diabetes Zentrum in Düsseldorf das Krankheitsbild Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes) und dessen Ursachen und Folgen (siehe Link unterhalb des aktuellen Interviews). Im aktuellen Interview mit Frau Professor Dr. Anette-Gabriele Ziegler von der TU München erfahren Sie nun weitere interessante Aspekte zum Thema Gestationsdiabetes und dessen Folgen.
Die Forschergruppe Diabetes der TU München beschäftigt sich seit Längerem mit dem Themengebiet Diabetes mellitus. Ein besonderer Fokus liegt hier auf neuen Erkenntnissen im Bereich des Gestationsdiabetes. Die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Ziegler widmet sich dieser Thematik seit Jahren intensiv mit mehreren Studien, unter anderem mit der PINGUIN-Studie. Diese beschäftigt sich mit den potentiellen Folgen eines Gestationsdiabetes und sucht nach wirksamen Präventionsmaßnahmen gegen die spätere Entwicklung eines Typ-2 Diabetes bei betroffenen Frauen. Im Interview berichtet Frau Professor Dr. Ziegler über das genaue Anliegen, den Verlauf und die Ziele der Untersuchungsreihe.
Frau Prof. Dr. Ziegler, gerade der Typ-2 Diabetes rückt in den letzten Jahren als so genannte Volkskrankheit in den Fokus des öffentlichen Interesses. Sonderformen wie der Gestationsdiabetes bleiben hier meist im Hintergrund. Wird das Krankheitsbild aktuell noch unterschätzt?
Die Häufigkeit von Gestationsdiabetes bei allen Schwangerschaften schwankt weltweit zwischen <1 Prozent und 20 Prozent und die Tendenz ist wie beim Typ-2 Diabetes steigend. Der Grund dafür ist vor allem das zunehmende Übergewicht, welches auch schon bei Kleinkindern und Jugendlichen deutlich steigt. Übergewichtige Frauen haben ein 3-fach erhöhtes Risiko, an Gestationsdiabetes zu erkranken im Vergleich zu normalgewichtigen Frauen. Aktuell wird das Krankheitsbild sicherlich noch unterschätzt aber das ändert sich zur Zeit. Es gibt ganz neue Richtlinien zur Diagnose von Gestationsdiabetes, was sicher auch den Fokus auf das Krankheitsbild verstärkt.
Bereits seit 2003 wird darüber diskutiert, einen Glukose-Toleranz-Test als so genanntes Pflichtscreening auf Gestationsdiabetes in die Mutterschaftsrichtlinien aufzunehmen. Bis heute wird solch eine Vorsorgeuntersuchung von vielen Krankenkassen häufig nicht übernommen. Wie beurteilen Sie die Notwendigkeit eines solchen Screenings?
Um akute Folgen und Langzeitfolgen für Mutter und Kind bei einem nicht diagnostizierten Gestationsdiabetes zu verhindern, ist es dringend notwendig, ein solches Screening in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung einzuführen.
Die von Ihnen durchgeführte PINGUIN-Studie beschäftigt sich mit den mittelfristigen, potentiellen Folgen eines Gestationsdiabetes. Laut Experten liegt das Risiko, nach einem Gestationsdiabetes innerhalb der nächsten 10 Jahren an Typ-2 Diabetes zu erkranken bei 50%, bei insulinbehandelten Frauen sind es sogar 61% innerhalb von drei Jahren. Ähnliches gilt für eine neuerliche Erkrankung an Gestationsdiabetes während einer folgenden Schwangerschaft. Sind die Ursachen hierfür bekannt?
Da diese Ursachen nicht bekannt sind, führen wir die PINGUIN-Studie durch. In der Studie werden viele Parameter im Verlauf der Studie gemessen, die uns Auskunft über mögliche Ursachen und Entwicklungen geben sollen. Außerdem beraten wir die Probanden individuell in Ernährungsfragen und Bewegungsintensivität. Dadurch sollen die Ursachen sowie die Folgen des Gestationsdiabetes näher erforscht, sowie der positive Effekt des Wirkstoffes Vildagliptin herausgefunden bzw. bewiesen werden, den wir bei unserer Untersuchungsreihe verabreichen.
Spielt die Anzahl der Geburten eine Rolle für den Verlauf? Sind auch Patientinnen betroffen, die mehrere normal verlaufende Schwangerschaften hatten und bei nur einer den Gestationsdiabetes entwickelten?
Ob die Anzahl der Geburten eine Rolle spielt, ist noch nicht eindeutig geklärt. Bei mehreren normal verlaufenden Geburten kann sich erst bei späteren Schwangerschaften ein Gestationsdiabetes entwickeln. Der Grund hierfür kann natürlich auch ein höheres Alter und ein höheres Gewicht der Mutter sein.
Sie forschen gezielt nach einer geeigneten Therapieform, um diese möglichen gravierenden Folgen zu verhindern bzw. hinauszuzögern. Dafür untersuchen Sie Frauen, welche während einer vorhergehenden Schwangerschaft einen insulinbehandelten Gestationsdiabetes hatten. Wie genau sieht der Ansatz Ihrer Studie aus? Erläutern Sie uns kurz die Vorgehensweise?
Die Dauer der Studie beträgt 3 Jahre, davon 2 Jahre Intervention und 1 Jahr Nachbeobachtung. Verlaufskontrollen finden im ersten Jahr vierteljährlich, im 2. und 3. Jahr halbjährlich statt. Die Intervention besteht in der Einnahme des Wirkstoffs Vildagliptin. Einer Untersuchungsgruppe werden davon 100 Milligramm über 24 Monate täglich verabreicht, der Kontrollgruppe entsprechend über den gleichen Zeitraum Placebo. Durch die präventive Einnahme von Vildagliptin soll die Entwicklung eines Typ-2 Diabetes verhindert werden. Dieser Wirkstoff soll besonders bei beginnender Fehlfunktion der Insulin produzierenden Inselzellen (Beta-Zellen) eine ausgeglichene Zuckerstoffwechsellage bewirken. Zudem gibt es Hinweise, dass es dadurch zu einer Erholung der Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse kommt. Zusammen mit intensiver Betreuung (Ernährungsberatung, körperlicher Aktivität etc.) erhoffen wir uns eine deutliche Verbesserung der Stoffwechsellage und eine Verhinderung der Diabetesentwicklung.
Die PINGUIN-Studie ist also auf drei Jahre angelegt und läuft seit Anfang des Jahres 2008. Können Sie uns zur Halbzeit schon etwas über nähere Erkenntnisse berichten?
Da wir eine randomisierte, placebo-kontrollierte und doppelblinde klinische Phase II Studie durchführen, können wir erst nach Abschluss der Studie unsere Daten auswerten.
Ein Ausblick zum Schluss: Ihr Augenmerk richtet sich auf die postpartale (nach der Schwangerschaft, Anm. der Redaktion) Intervention nach Gestationsdiabetes als erfolgreiche Therapieform. Sind Sie zuversichtlich im Hinblick auf ihre Ergebnisse und sehen Sie auch Möglichkeiten präventiv wirksam vorzugehen?
Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir durch unsere Studie eine mögliche präventive Empfehlung für Frauen mit Gestationsdiabetes aussprechen können.
Vielen Dank für das Gespräch!
Link zur PINGUIN-Studie:





